Ich und meine Nase

Veränderung. 
Es gibt Tage, an denen läuft das Leben einfach so dahin. Und wenn man am Abend im Bett liegt und kurz davor ist einzuschlafen, fühlt man sich eigentlich genau gleich wie am Morgen des selben Tages. Nichts hat sich verändert.
Manchmal gibt es jedoch Tage, an denen verändert sich einfach alles. Man steht in der Früh auf, macht alles so wie immer und wenn man abends das Licht aus macht ist man irgendwie ein anderer Mensch.
Ich möchte euch heute von drei Tagen in meinem Leben erzählen, die für mich einfach ALLES geändert haben.

TAG 1 
Wir sprechen hier von einem Tag, den ich nicht mehr genau datieren kann. Aber wir befinden uns auf jeden Fall im Jahr 2007. Ich war also gerade 14 Jahre alt.
Ich kann mich noch ziemlich genau an diesen einen Tag erinnern. Bis dahin war ich eigentlich einfach nur ein normales Mädchen im Teenager-Alter mit den üblichen Stimmungsschwankungen. Eines kannte ich bis dahin aber noch nicht: Unsicherheit mit meinem eigenen Körper.
Als ich 14 war, war ich schlank, laut Body-Mass-Index (der übrigens vollkommener Bullshit ist) war ich sogar leicht untergewichtig. Ich hatte lange, glatte Haare, ein ganz normales Gesicht und es gab nichts an mir, was mich selbst gestört hätte. Ich machte mir aber auch gar nicht erst Gedanken darüber.

An diesem Tag ging ich also wie gewöhnlich zur Schule. Es hätte einer dieser Tage werden können, an denen einfach nichts nennenswertes passiert. Wurde es aber nicht.

Teenager sind doof. Die meisten von ihnen haben keine Ahnung von irgendwas und sie reden oft bevor sie darüber nachdenken. Meistens denken sie einfach gar nicht darüber nach.
In meiner Klasse waren damals einige Jungs, die sich dauernd über alles und jeden lustig machten. Ich selbst war einer dieser Menschen, die kein Problem damit hatten über sich selbst zu lachen. Wann immer also ein dummer Spruch von den Jungs auf meine Kosten gemacht wurde, fand ich es einfach nur witzig. Bis zum nächsten Tag hatte ich es meistens außerdem sowieso wieder vergessen.
An diesem Tag war es anders:
Ich weiß gar nicht mehr genau, was der Auslöser für diese Aussage war. Wahrscheinlich hatte ich vorher gar nicht so genau zugehört. Aber dieser Satz traf mich wie ein Schlag mit einem Stock.

„Du wärst viel hübscher, wenn du eine Plastiktüte auf dem Kopf hättest. Dann würde man deine hässliche Nase nicht mehr sehen.“

Wait. What?!
Was war falsch mit meiner Nase? Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf und ich wusste nicht so recht wohin damit.
Als ich nach der Schule nach Hause kam, stand ich zehn Minuten lang vor dem Spiegel. Okay, meine Nase war vielleicht ein bisschen größer, als die Standard-Nase und eventuell war sie auch ein kleines bisschen krumm. Aber hässlich? Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Meine Nase war das letzte worüber ich mir bis zu diesem Tag jemals Gedanken gemacht hatte. Nach diesem Tag wurde sie das einzige worüber ich mir ständig Gedanken machte.

Es verging viel Zeit. Und wenn ich darauf zurückblicke, habe ich das Gefühl, dass es jeden Tag schlimmer wurde. Ich habe in meiner Schulzeit wahrscheinlich mehr Zeit damit verbracht meine Nase im Spiegel zu begutachten, als für Schularbeiten und Tests zu lernen.
Je mehr ich mich damit beschäftigte, desto hässlicher fand ich sie. Zu lang, zu schief, zu groß, zu höckrig, zu zu zu. Und auch wenn mir die Menschen in meinem Umfeld immer wieder sagten, dass an meiner Nase nichts falsch wäre, wurde ich jeden Tag unzufriedener und begann mit der Zeit meine Nase richtig zu hassen.
Die darauffolgenden zehn Jahre wurden zu einem Versteckspiel. Wann immer ich neue Leute kennenlernte konnte ich mich kaum auf die eigentliche Konversation konzentrieren, weil ich so beschäftigt damit war meinen Kopf in einem Winkel zu halten, von dem aus meine Nase „nicht so schlimm“ aussah.
Es gab in meinem Leben nichts, was mich je so eingenommen hat, wie der Gedanke daran meine Nase möglichst effizient zu verstecken.
Aber wie soll man etwas verstecken, das mitten im eigenen Gesicht ist?

TAG 2
Der Gedanke daran meine Nase operativ verändern zu lassen war präsent seit dem Tag, an dem mir bewusst wurde, dass meine Nase nicht der Norm entspricht. Ich war damals 14, also war eine Operation ausgeschlossen. Aber mit 18 wollte ich es sofort durchziehen, no matter what.
In der Zeit, in der ich also warten musste, beschäftigte ich mich unglaublich viel mit Nasenkorrekturen. Fragt mich irgendetwas, es gibt so gut wie nichts, was ich nicht darüber weiß.
Je mehr ich mich damit auseinandersetzte, desto mehr Angst bekam ich aber auch. So eine Nasenkorrektur ist eben nichts, was man einfach mal so spontan macht. Außerdem kann man sich nie so sicher sein, wie man danach wirklich aussehen wird. Meine Angst wurde so groß, dass ich mich einfach nicht mehr traute das, was ich schon jahrelang machen wollte, auch wirklich zu machen.

Es war der 26. März dieses Jahr, als mir meine Mama plötzlich einen Artikel aus einer Zeitschrift schickte. Es ging um einen plastischen Chirurgen, der als einziger Arzt in ganz Österreich mit einer neuartigen Methode operierte, die viel schonender war, als herkömmliche Operations-Methoden.
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon mit dem Thema abgeschlossen. Glücklich war ich natürlich trotzdem nicht. Beim Lesen dieses Artikels wurde ich jedenfalls neugierig und wollte unbedingt mehr darüber erfahren. Plötzlich hatte ich wieder Hoffnung, dass es vielleicht doch noch eine Möglichkeit für mich geben würde, meine Nase zu verändern.

TAG 3
Einige Beratungsgespräche und schlaflose Nächte später stand der Termin für meine Nasenoperation fest. Ich war immer noch leicht ängstlich, aber da ich aufgrund einer Nasenscheidewandverkrümmung seit Jahren keine Luft mehr durch mein linkes Nasenloch bekam, gab es umso mehr einen Grund mich operieren zu lassen.

Am 24. August wurde ich dann in einer Privatklinik von dem Arzt aus dem Zeitungsartikel operiert. Die Operation dauerte über fünf Stunden und fand natürlich unter Vollnarkose statt. Ich bekam rein gar nichts davon mit.
Als ich aufwachte hatte ich tausend Klebestreifen im Gesicht und eine Plastikschiene auf der Nase. Ich sah fürchterlich aus. Schmerzen hatte ich aber keine. Die ganze Zeit nicht.
Ich musste dann noch eine Nacht in der Klinik bleiben und durfte am nächsten Tag nach Hause. Die Schiene blieb insgesamt zehn Tage lang drauf.
In diesen zehn Tagen hatte mein Gesicht ungefähr alle Farben, die man sich vorstellen kann. Vor allem rot und blau. Ich sah aus, als wäre ich ziemlich übel zusammengeschlagen worden. Schmerzen hatte ich aber immer noch keine und das blieb auch so.
Am 4. September wurde mir dann endlich meine Schiene abgenommen und ich konnte zum ersten Mal meine „neue“ Nase sehen.
Der Moment, als ich das erste Mal in den Spiegel schaute, war ein ziemlicher Schock.
Stellt euch einfach vor ihr seht über 24 Jahre lang jeden Tag das selbe Gesicht, wenn ihr euch anschaut und plötzlich ist es von einem Tag auf den anderen völlig anders.
Die Nase ist so ein zentraler Punkt im Gesicht, dass es wirklich viel ausmacht, wenn sie auf einmal ganz anders aussieht.
Nachdem der erste Schock überwunden war, fand ich das Ergebnis der Operation aber sofort großartig! Alles, was ich verändert haben wollte, wurde – im positiven Sinne – angepasst. Außerdem bekam ich endlich wieder durch beide Nasenlöcher Luft! What a feeling!

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Seitdem sind drei Monate vergangen und ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Mein ganzes Leben hat sich seither komplett geändert. Für manche von euch mag das vielleicht etwas übertrieben klingen, aber das ist es in Wirklichkeit nicht.
Ich muss mir nicht mehr ständig Gedanken darüber machen, aus welchem Winkel mich die Leute sehen und ob ich einen Pferdeschwanz tragen kann oder nicht. Das tat ich nämlich jahrelang so gut wie nie, nur weil ich fand, dass meine Nase damit noch mehr zur Geltung kommt.
Manchmal will ich mir an meine Nasenspitze fassen und greife ins Leere. Das hört sich lustig an und  das ist es irgendwie auch. Irgendwie spüre ich meine alte Nase nämlich immer noch. Wenn ich sie aber berühren möchte, ist da nichts mehr, weil sie jetzt kürzer ist. Früher konnte ich mit meiner Zunge meine Nasenspitze berühren. Das geht jetzt auch nicht mehr.
Ich habe mich seit zehn Jahre nicht mehr so wohl mit mir selbst gefühlt.
Außerdem habe ich mich mittlerweile so sehr an mein „neues“ Gesicht gewöhnt, dass ich manchmal gar nicht mehr weiß, wie ich vorher ausgesehen habe.

Schönheitsoperationen sind ja in der Gesellschaft teilweise eher verpönt. Ich verstehe aber nicht wieso. Jeder von uns hat nur einen Körper, den er sich nicht aussuchen kann. Wenn es nun einen Teil am eigenen Körper gibt, der sich nicht (wie zum Beispiel durch Abnehmen) verändern lässt und dieser Teil eine psychische Belastung für die betroffene Person darstellt, warum sollte man es sich dann unnötig schwer machen?

Wer weiß, wenn mich die Jungs aus meiner Klasse damals nicht darauf aufmerksam gemacht hätten, vielleicht hätte ich meine Nase nie so schlimm gefunden. Herausfinden werde ich das aber nie.
Ich bin jedenfalls unendlich froh diesen Schritt gemacht zu haben und ich kann aus vollster Überzeugung sagen, dass ich noch nie eine bessere Entscheidung getroffen habe!

Bis zum nächsten Mal und ein Hoch auf Nasen,

Hannah.

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