Feminismus?

Gesellschaftlicher Selbstmord.
Darauf wird es mit diesem Beitrag wohl hinauslaufen. Aber ich will einfach meine Klappe nicht halten, wenn es einmal mehr alle einfach nur übertreiben.
Es ist wie in der österreichischen Politik mit Blau und Grün. Die einen rechter als Rechts, die anderen linker als Links. Mit dieser #MeToo Geschichte sind wir jetzt im Wolkenkratzer des Feminismus – vor allem auch dank Nina Proll – auf der selben Etage angelangt. Ich gratuliere!

Für alle, die gar nicht wissen, wovon hier überhaupt die Rede ist:
Unter dem Hashtag #MeToo posten seit einigen Tagen/Wochen Frauen ihre persönlichen Geschichten über Situationen in denen sie von Männern sexuell belästigt wurden.
Die österreichische Schauspielerin Nina Proll veröffentlichte daraufhin dieses Posting auf ihrer Facebook-Seite:
„#notme: 
Warum bestehen eigentlich immer die Feministinnen darauf, dass Frauen Opfer sind? Das verstehe ich nicht. Ich bin seit 20 Jahren in diesem Beruf tätig, und ich schwöre, ich bin dabei noch nie von einem Mann sexuell belästigt worden. Weder von einem Mächtigen noch von einem ohnmächtigen. 
Aber das liegt vermutlich daran, dass ich sexuelle Annäherungsversuche von Seiten eines Mannes grundsätzlich erfreulich finde und einen solchen erst mal als Kompliment und nicht als Belästigung verstehe. Aber das ist bestimmt mein Fehler. Ich bin vermutlich sexsüchtig und habe keinen gesunden Zugang zu diesem Thema. Oder vielleicht bin ich einfach nicht attraktiv genug, um von einem Mann sexuell belästigt zu werden. Oder nicht jung und erfolglos genug. Mag sein. Aber auch ich war das einmal. Nur ich habe mich nie für ältere, mächtige Männer interessiert. Deswegen war es mir auch immer egal, wenn sie mir Avancen gemacht haben. So was hat in mir höchstens Mitleid hervorgerufen. Ich würde mich schämen, damit jetzt hausieren zu gehen,
gerade vor jenen Frauen, denen tatsächlich Gewalt widerfahren ist. Und was bitte ist überhaupt ein mächtiger Mann? Ein Mann der viel erreicht hat? Ein Mann, der mir einen Job geben „könnte“? Ein Mann, der mich unterdrückt und von dem ich abhängig bin?
Wann bin ich denn von einem Mann abhängig? Wenn ich ihn liebe? Wenn ich bei ihm unter Vertrag bin? Oder wenn ich ihm einen geblasen habe? Man kann tausend Gründe finden, warum man von einem Mann abhängig ist und man kann 1000 Gründe finden, warum man es nicht ist. Abhängigkeit liegt doch immer im Auge des Betrachters.
„Wenn Frauen, Opfer sind, sind Männer Täter“. An dieser Vorstellung sollten wir unbedingt festhalten, denn so können wir sicher sein, dass sich nie etwas ändert.
Ich frage mich, in was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Wollen wir einander nur noch anzeigen und vor Gericht bringen? Oder sind wir in der Lage auf Augenhöhe miteinander zu reden und „Nein“ zu sagen, wenn uns irgendetwas missfällt? Wollen wir Männern verbieten, sexuelle Avancen zu machen? Oder können wir uns noch darüber freuen, wenn ein Mann versucht uns ins Bett zu kriegen? Oder besser: Lasst uns Sex verbieten, dann sind wir alle Probleme los. Ohne Sex ging es uns allen viel besser. Dann müssten wir auch keine Kinder bekommen, um die sich die miesen Typen dann ohnehin nichts scheren. Am besten, wir verbieten Männer! Dann können wir Frauen endlich in Ruhe Karriere machen ohne dass uns irgendein Mann oder Kind daran hindert oder dabei belästigt. Und Quote bräuchten wir dann auch keine.“

Als ich die Zeilen von Proll zum ersten Mal gelesen habe, war ich, im Gegensatz zu vielen anderen, nicht schockiert. Ich finde, dass die Dinge, die sie schreibt, wie die Faust auf’s Auge zu ihr passen. Wer Nina Proll kennt, wird mir zustimmen, dass nichts von dem, was sie hier zu sagen versucht, tatsächlich Verwunderung hervorruft. Ich will auf keinen Fall ihre Meinung vertreten, aber ich möchte ihr Recht auf freie Meinungsäußerung rechtfertigen. Das ist das, was ich an unserer Gesellschaft noch nie verstanden habe. Warum schlagen sich immer alle sofort die Köpfe ein, nur weil jemand anderer Meinung ist? Ob gewisse Ansichten moralisch vertretbar sind oder nicht, ist eine andere Sache. Meinung ist aber trotzdem Meinung.

Ich glaube, dass sich die erwachsenen Frauen der 2010er Jahre verrennen und den Bezug zur Realität verlieren, wenn es um Feminismus geht. Ich finde, dass Feminismus ein wichtiger Bestandteil ist, den unsere Gesellschaft dringend braucht. Viel zu lange wurden Frauen unterdrückt und werden es auch heute noch. Das ist alles wahr und ich will nichts davon bestreiten, beschönigen oder sonstiges. Trotzdem finde ich es doch immer wieder erstaunlich wie viele Frauen es gibt, die Feminismus mit einem Fashion-Accessoire verwechseln.

Ich möchte noch einmal betonen, dass ich die Dinge, die Nina Proll in ihrem Posting sagt,  weder rechtfertigen möchte, noch stimme ich ihr zu. Nicht zuletzt, weil durch solche Äußerungen von Frauen immer wieder vermittelt wird, dass es in Ordnung ist, wenn Männer sich einfach das nehmen, was sie wollen, „weil es den Frauen ja eh gefällt“. Das ist es nämlich nicht.
Dennoch sehe ich nicht ein, dass in der heutigen Zeit sofort alles gegeneinander verwendet wird. Mir hat letztens im Supermarkt ein Mann, mit dem sich zuvor ein Gespräch ergeben hatte, beim Verabschieden auf die Schulter geklopft. Wenn er mit dieser Geste an die falsche Frau geraten wäre, hätte man ihn vermutlich gleich als Perversen hingestellt. Klingt zum Lachen, ist es aber nicht.

Ich weiß, dass die Geschichten, die unter dem Hashtag #MeToo geteilt werden, keine Situationen, wie beispielsweise meine Supermarkt-Story beschreiben. Sie sind großteils tragisch und ich wünsche keiner Frau der Welt, dass sie jemals Opfer von sexueller Belästigung oder gar Vergewaltigung wird. Im Alltag muss man jedoch trotzdem versuchen nur das zu verurteilen, was auch wirklich verurteilbar ist.

Es stimmt schon, dass Frauen immer noch in einer Opferrolle sind, aus der sie wahrscheinlich so schnell nicht herauskommen werden. Aber glaubt eigentlich irgendjemand ernsthaft, dass man mit einer Kampagne wie #MeToo auch nur irgendetwas im Kopf eines Mannes bewirken kann, der die grundlegenden Funktionen eines Zusammenlebens auf gleicher Ebene nicht verstanden hat?
Natürlich, wir wollen die „Awareness raisen“. Gut. Aber dann steigern wir doch bitte auch das Bewusstsein dafür, dass Feminismus nur dann Sinn macht, wenn er in einem gewissen Rahmen bleibt und nicht plötzlich Männer zu Opfern von Sexismus werden lässt. Unsere männlichen Mitbürger nämlich ständig nur als Täter darzustellen, als mächtig und erhaben, das ist mindestens genau so sexistisch wie der umgedrehte Spieß. Nicht alle Frauen sind Opfer und nicht alle Männer Täter. Das will aber niemand kapieren.

Sexismus ist überall und er funktioniert in beide Richtungen. Alltagssexismus ist nichts worauf Frauen ein Patent haben. Es mag sein, dass wir die sind, die vermehrt Opfer davon werden. Was ich am „Feminismus“ jedoch so unglaublich verabscheue ist, dass alles rundherum einfach vergessen und nicht mehr beachtet wird.

Bekommt eigentlich niemand mit, dass auf der langen Reise der FeministInnen, auf der seit Jahren versucht wird die Frau aus dem Dreck zu ziehen, der Mann nach und nach hineingezogen wird?
Mir kommt mein Frühstück wieder hoch, wenn ich T-Shirts in den Läden hängen sehe, auf denen Dinge stehen wie „The future is female“. Und dann gibt es auch noch ernsthaft Menschen, die das tragen. Es tut mir wirklich leid, aber dafür habe ich einfach kein Verständnis.
Es ist schade, dass sich in solchen Worten, wie in Nina Prolls, auch Wahrheiten finden lassen, aber mit ihren letzten Zeilen hat sie leider Recht: Es sieht ganz danach aus, als wäre es einigen Frauen da draußen am liebsten, wenn Männer gar nicht existieren würden.

Mich könnt ihr jedenfalls anrufen, wenn bei allen angekommen ist, dass die FUTURE einfach nur EQUAL sein sollte.

Bis zum nächsten Mal und ein Hoch auf Gleichberechtigung,
Hannah.

P.S.: Ich wurde selbst schon vermehrt zum Opfer sexueller Belästigung. Männer mag ich trotzdem.

2 Comments

  1. Laura Levstock

    Liebe Hannah,
    grundsätzlich lese ich sehr gerne deinen Blog und er macht mir auch sehr viel Spaß, bei deinem Post über Feminismus bin ich leider ein bisschen enttäuscht worden.
    Da ich eine große Freundin von Ehrlichkeit bin, hab ich mir gedacht ich hinterlasse dir hier ein bisschen konstruktive Kritik.

    Ich habe das Gefühl, dass du ein falsches Bild vom Feminismus vermittelt bekommen hast. Ich hab es so verstanden, dass du dir für die Zukunft weniger feministische Rassismus, sondern mehr Gleichberechtigung wünscht. Das ist allerdings ein kleiner Wiederspruch in sich, da die einfache und simple Definition von Feminismus wie folgt lautet: „Der Glaube an Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau“ (nach Charles Fourier, um 1870). Was du dir also Wünscht, dass die FUTURE EQUAL ist, ist also genau das größte Ziel des Feminismus. Du darfst also vin dir behaupten, dass du auch eine Feministin bist; so wie es eigentlich jeder aufgeklärte vernünftige Mensch sein sollte. Ob man ein/e Feminist/in ist, ist übrigens ganz leicht herauszufinden. Stell dir einfach die Fragen „Bin ich ein Mensch mit einer Vagina oder kenne so jemanden und will ich, dass dieser Mensch selbst darüber entscheiden sollte?“ Kannst du das mit ja beantworten, bist du ein/e Feminist/in. Gratuliere 🙂
    Was ich auch noch unbedingt erwähnen möchte, ist, dass man auf schwer von DEM Feminismus spreche kann, das es unzählige Strömungen davon gibt. Die Strömung, des Differenzfeminismus (der, den du übrigens anprangerst), ist diejenige Strömung, die die Frau als (sehr simpel ausgedrückt) „besseres“ Geschlecht betrachtet, Diese Strömung ist allerdings nicht die Majorität und definitiv weder die Hauptströmung in Europa, noch Amerika. (Über Feminismus auf den übrigen Kontinenten weiß ich leider nicht sehr viel.)
    Wenn jemand also Feminismus als Accessoire tragen will, finde ich, sollte die Person das durchaus tun können, da es nichts ist, dass unsere Gesellschaft nicht verträgt oder versteht.
    Es gibt noch viel, das ich darüber schreiben könnte, wollte dir aber nur meine Gedanken darüber da lassen. Ich hab dir das übrigens absichtlich als Kommentar, und nicht als Private Nachricht, geschickt, da ich der Meinung bin, dass es wichtig ist, dass alle deine Leser/innen das hier ebenfalls sehen.
    Noch einmal will ich betonen, dass das konstruktive Kritik sein soll und wie du selbst gesagt hast, hat jeder da Recht darauf seine Meinung zu äußern.

    Also dann,
    beste Grüße,
    Laura 🙂

    P.S.: Laut der neuesten Studie, sind in Österreich schon 74,2 % aller Frauen im erwachsenen Alter MINDESTENS ein Mal sexuell belästigt worden. Und das sind nur die offiziellen Zahlen; also ohne Schwarzziffer.

    1. hannahivanka

      Liebe Laura,
      Danke für deinen Kommentar. Ich freue mich wirklich immer, wenn sich jemand die Zeit nimmt sich so intensiv mit einem meiner Beiträge zu beschäftigen.

      Ich fürchte aber, dass entweder ich mich mit meinem Text einfach schlecht ausgedrückt habe, beziehungsweise nicht klar genug, oder dass du es einfach falsch verstanden hast. Ich will dir natürlich auch sagen, warum:
      Mir ist durchaus bewusst, dass sich der Feminismus grundsätzlich mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau beschäftigt. Daher habe ich in meinem Beitrag auch geschrieben, dass ich ihn für unsere Gesellschaft wichtig und dringend notwendig finde. Dass es natürlich nicht nur eine Form von Feminismus gibt, ist mir auch klar.
      Worum es mir aber im Wesentlichen gegangen ist, ist das, dass nicht ich, sondern leider ziemlich viele andere Frauen da draußen ein falsches Bild vom Feminismus haben.
      Ich habe ein Problem damit, dass es Leute gibt, die sich groß FeministInnen nennen und im gleichen Atemzug über Männer schimpfen, weil sie glauben, dass es das ist, was den Feminismus ausmacht. Ich habe ein Problem damit, dass Frauen T-Shirts mit der Aufschrift „The future is female“ tragen. Was soll das bitte bedeuten? Lasst uns Männer am Scheiterhaufen verbrennen? (Und bevor mir in diesem Fall Unverständnis unterstellt wird: Mir ist schon klar, dass mit solchen Sprüchen unter anderem kommuniziert werden soll, dass es wichtig ist, das Frauen in der Zukunft wichtige Rollen übernehmen für die sie bisher immer als unterqualifiziert abgestempelt wurden. Da stehe ich auch komplett dahinter. Dann ist diese Art der Kommunikation aber meiner Meinung nach ein falscher Weg.)
      Die zweite Sache, auf die ich mit meinem Beitrag eingehen wollte, ist die Tatsache, dass sich zwei Lager aufbauen. Die Leute, die sich an der #MeToo Kampagne aufgeilen und solche Leute wie Nina Proll. Ich werde einfach nie verstehen, warum es nie einen Mittelweg geben kann. Wie gesagt, es erinnert mich halt einfach sehr an das Spiel zwischen den Grünen und der FPÖ, die ich übrigens beide gleichermaßen abscheulich finde. Und genau so geht es mir auch mit der Diskussion um Feminismus.

      Jedenfalls danke nochmals für die Zeit, die du dir genommen hast und danke, dass du meinen Blog liest. Es tut mir leid, dass ich dich diesmal enttäuscht habe und mir ist selbst bewusst, dass ich zu manchen Themen eine Meinung habe, die die Mehrheit nicht teilt, aber mir ist Ehrlichkeit genau so wichtig wie dir und mindestens genau so wichtig ist es mir auch dieser Ehrlichkeit eine Plattform zu bieten.

      Alles Liebe,
      Hannah

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